„Bilder der fließenden Welt“: Japanische Farbholzschnitte im Picasso-Museum

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Somenosuke aus dem Kiefernnadelhaus gehörte den teuersten und gefragtesten Kurtisanen in Edo. Das Porträt von Kitagawa Utamaro (1806) ist im Picasso-Museum zu sehen.

MÜNSTER - Die Kurtisane Somenosuke aus dem Freudenhaus Kiefernnadel war am Anfang des 19. Jahrhunderts eine Trendsetterin in Edo. Die Damen der Gesellschaft schauten auf ihre Kleidung und auf ihre mit vielen Nadeln kunstvoll hochgesteckte Frisur. Die Herren schauten vielleicht aus anderen Motiven auf den Farbholzschnitt, in dem sie so verführerisch den Finger in den Ausschnitt ihres Kimonos legt. Jeder erfuhr hier, wo er Somenosuke finden konnte. Kitagawa Utamaro hatte oben rechts ihren Namen und den des Bordells aufgeschrieben.

So verband der große Porträtist des Vergnügungsviertels Yoshiwara in seinem Bildnis der schönen Berühmtheit das Ästhetische mit dem Nützlichen. Zu sehen ist Utamaros Meisterblatt in der Ausstellung „Bilder der fließenden Welt“ im Picasso-Museum Münster. Die Schau bietet mit fast 150 Blättern einen Überblick über den japanischen Farbholzschnitt im 18. und 19. Jahrhundert. In diesen Blättern hatten die fernöstlichen Meister die Technik perfektioniert, für ein Bild wurden bis zu 15 Druckplatten verwendet. Im 19. Jahrhundert beeinflussten die Ukiyo-e die Kunstavantgarden in Europa vom Impressionismus über den Jugendstil bis zum Expressionismus.

Picasso freilich äußerte sich ablehnend über den „Exotismus“. Aber in seinem Nachlass gab es eine kleine, aber feine Sammlung japanischer Farbholzschnitte, vor allem mit erotischen Motiven, sogenannte „Shunga“. Diese Blätter mit erotischen Darstellungen hinterließen deutliche Spuren im Spätwerk des spanischen Malers, wo er zum Beispiel in der Suite 347 detailgenau den Sex des Künstlers mit dem Modell im Atelier darstellte. Die Erben ließen seinerzeit diesen Teil von Picassos Nachlass versteigern, so dass er nicht zu rekonstruieren ist. Aber die fast 40 Blätter im Obergeschoss des Museums, aus Jugendschutzgründen gesondert gehängt, vermitteln einen guten Eindruck über den Ideen- und Gestaltungsreichtum der großen Holzschneider.

Die prachtvollen Bilder feiern die Lust, rücken den Unterleibsbereich beim Akt in den Blick, was oft zu sportlich herausfordernden Stellungen führt. Die Genitalien liegen im Blick, aber um sie lassen Meister wie Hokusai, Kuniyoshi und Eisen bunt gemusterte Kimonos wie Meereswogen wallen. Anstößig waren die Darstellungen nicht, sie wurden sogar zu Hochzeiten verschenkt. Mal stellt Chokyosai Eiri den Höhepunkt eines Paares im Bad dar, mal zeigt ein unbekannter Osakameister den mythischen Sex zwischen einer Taucherin und einem Oktopus, und Hokusai zeigt eine besitzergreifende Geisha, die auf den Penis ihres Liebhabers schreibt: „Dieser gehört...“

Allerdings wollte Museumsdirektor Markus Müller nicht den Eindruck erwecken, das alte Japan sei ein erotisches Schlaraffenland gewesen. Shunga waren thematisch ein wichtiger, aber nur kleiner Teil der Ukiyo-e, der „Bilder der fließenden Welt“. Diese Wendung, erläutert Hendrick Lühl, Sammler und Kenner, der die Ausstellung aus mehreren Privatsammlungen zusammengestellt hat, bedeutet, dass die Farbholzschnitte den Alltag beschrieben. In der Epoche, als Edo, das spätere Tokio, Hauptstadt war (1603-1867), blühte der Farbholzschnitt auf. Das Medium richtete sich vor allem an ein bürgerliches Publikum, das Freizeit hatte und die Muße, sich an den Kunst zu erfreuen. Für Gemälde reichte das Geld nicht, aber die Drucke waren verhältnismäßig preiswert.

In der Frühzeit des Farbholzschnitts waren zwei Themenkreise wichtig, schöne Frauen und das Kabuki-Theater. Die Ukiyo-e waren ein wenig Werbeblatt, ein wenig „Bravo“ für Erwachsene, die Stars der Bordelle und der Bühne wurden namentlich verherrlicht. Angesichts der Detailverliebtheit, der expressiven Qualität und der strahlenden Farben versteht man sofort, warum die europäischen Künstler sich davon inspirieren ließen. Wunderbar, wie Torii Kiyomasu II die Schauspieler Bando Hikosaburo und Ishikawa Danjuro in voller Bewegung erfasst. Später verselbstständigten sich die Motive, nun zeigte ein Künstler den Mythos direkt und gab dem Drama noch mehr Wucht. Utagawa Kuniyoshi zeigt den Admiral Taira no Tomomori, einen Romanhelden, im Moment seiner Niederlage, als monumentale Figur, mit weit ausladenden Kleidern und geplusterter Frisur, durchbohrt von Pfeilen, einen hat er sich gerade ausgerissen, und auf seinen Schultern ruht der mächtige Anker, mit dem er sich gleich ins Meer stürzen wird.

Man findet aber auch, betont Kurator Lühl, den japanischen Alltag in vielen Blättern. Sei es, dass Kunisada in einem dreiteiligen Bild eine Kabuki-Vorstellung schildert mit dem Blick ins Theater, Logen, Rang, Bühne. Sei es, dass sein Schüler Kunisada II Frauen zeigt, die sich in der Abendkühle erfrischen. Die Ernte von Bambusschößlingen, das Treiben im Badehaus, ein Feuerwerk, und sogar eine Handelsmesse mit Männern in europäischen Anzügen werden zum Thema.

Ein weiterer Höhepunkt sind die Landschaftsbilder. Leider wird keine der 36 berühmten Ansichten des Fuji von Hokusai gezeigt, aber immerhin die Darstellung eines Wasserfalls. Die delikaten Schneelandschaften von Hiroshige sind eine Augenweide. Und sein berühmtes Regenbild „Ein plötzlicher Schauer über der Ohashi-Brücke“ gefiel Vincent van Gogh so sehr, dass er den Holzschnitt als Gemälde kopierte.

Bis 23.10., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 41 44 710,

www.picassomuseum.de,

Katalog 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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