Ausstellung „Lasst Blumen sprechen!“ auf Schloss Moyland

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Das Bild „Große Anthurien“ (1990) von Norbert Tadeusz ist im Museum Schloss Moyland in Bedburg-Hau zu sehen.

BEDBURG-HAU - Die Blüten der großen Anthurien schwingen menschengroß über die Leinwand. In Aufsicht hat Norbert Tadeusz 1990 die Topfblumen in seinem Atelier gemalt. Und die verschlungenen Pflanzen tanzen derart über die fast fünf Meter breite Leinwand, dass kein Betrachter dabei an ein Stillleben dächte. Sie sind Mittel zum Zweck, dienen dazu, den gemalten Raum als verformten und beschwingten wirken zu lassen.

Zu sehen ist das Bild im Museum Schloss Moyland in Bedburg-Hau. Dort verfolgt die Ausstellung „Lasst Blumen sprechen!“ ein traditionelles Motiv der Kunst durch die Moderne seit 1960. 75 Werke von rund 40 Künstlern spiegeln das Thema auf ansprechende Weise in einer verblüffenden Vielfalt von Themen. Man findet auch große Namen wieder, sei es im ersten Blumenbild von Gerhard Richter von 1977, in der Detailansicht einer Vase von Luc Tuymans, in Arbeiten von Alex Katz, Georg Baselitz, Jörg Immendorff.

Kurator Alexander Grönert fand viele Blumendarstellungen in der aktuellen Kunst, angefangen bei der Pop-Art. Andy Warhols in grellen Neonfarben verfremdete „Flowers“-Siebdrucke markieren auch einen Ausgangspunkt der Schau. Ein anderer ist natürlich Joseph Beuys, dessen Werk einen Schwerpunkt in der Sammlung in Moyland bildet. Sein postkartengroßes Multiple „Laßt Blumen sprechen“ von 1974, nach dem populären Slogan von Fleurop, gab der Ausstellung den Titel. Beuys stellte immer wieder Blumen dar, oft in transparenten, luftigen Aquarellen. Aber seine „Rose für Direkte Demokratie“ (1973) erinnert auch daran, dass Blumen mit sehr verschiedenen Bedeutungen besetzt werden können.

Schon in mittelalterlichen Altarbildern standen Pflanzen für christliche Tugenden. Barocke Stillleben waren aufgeladen mit Symbolik und zugleich überaus kunstvolle Montagen, die oft in einer Vase versammelten, was tatsächlich nie zur gleichen Zeit blüht. Die Blume ist Naturobjekt und wird zugleich vom Menschen genutzt als Schmuck von Haus und Garten. Die Doppelwertigkeit von Natur und Künstlichkeit macht das Motiv so verlockend auch für moderne Künstler. Die Ausstellung verzichtet auf eine Chronologie und setzt nur an einigen Stellen thematische Schwerpunkte. Ansonsten setzt sie ganz auf die Überzeugungskraft der ausgewählten Werke, auf die Freude an Entdeckungen. Eine ganze Reihe von Exponaten entstanden als Auftragsarbeiten. Die meisten Künstler sind mit kleinen Werkgruppen vertreten, und es gibt die unterschiedlichsten Medien.

Und da bietet zum Beispiel auch die Fotografie überaus reizvolles Ansichtsmaterial. Beim Amerikaner Andrew Zuckerman werden die stark vergrößerten Nahaufnahmen exotischer Blüten zu bizarr lebendigen Porträts. Heide Hatry zeigt Fotos schöner, etwas ungewöhnlicher Blumen, die nicht weiter auffallen – bis man erfährt, dass die Künstlerin sie aus Tierinnereien vom Schlachthof formte. Und das barocke, opulente Prachtbukett auf dem Tisch ist ebenfalls eine Skulptur: Chiara Lecca verwandte für ihre großen, pelzigen Blüten unter anderem präparierte Hasenohren. Diese Arbeiten lenken die Aufmerksamkeit auf den Umgang des Menschen mit der Natur.

Den Gipfel der Verfremdung erklimmt der Brasilianer Eduardo Kac, der einer normalen Petunie im Labor eine Sequenz aus seinem Erbgut einsetzen ließ. Die so entstandene Genblume heißt „Edunia“, ein Mischwesen aus Mensch und Pflanze, und blüht ganz unauffällig auf einem Sockel im Museum.

Der in Düsseldorf lebende japanische Künstler Hiroyuki Masuyama zeigt zwei monumentale Leuchtkästen, einer davon fast zehn Meter breit, in denen er anscheinend eine ganz normale Blumenwiese festhielt. Aber der pflanzenkundige Betrachter erkennt schnell, dass hier etwas nicht stimmen kann, so liegt doch tatsächlich noch etwas Restschnee, während daneben Sommerblumen prangen. In seiner am Computer entstandenen Montage aus unzähligen Einzelaufnahmen schuf Masuyama eine Art Pflanzenjahr in einem einzigen Panorama.

Auch Peter Dreher macht in seiner Serie „Die Kleeblume“ Zeit sichtbar: Zwischen 1976 und 2011 malte er immer wieder ein Wasserglas mit einer einzelnen Blüte darin. Aber das Tageslicht wechselt, das Wasser verdunstet, die Blüte welkt. Und so sieht ein und dasselbe Motiv immer wieder anders aus auf diesen postkartenkleinen Täfelchen.

Alexandra R. Toland baute ein richtiges Labor auf. Ihre „Dust Blooms“ sollen zeigen, welche Arbeit unscheinbare Kräuter am Wegesrand für den Menschen verrichten, indem sie zum Beispiel Feinstaub aus der Luft filtern. Die US-Künstlerin ist auch Biologin, und in ihrer Installation verbindet sie ökologische Faktenvermittlung mit verspieltem Humor. So baut sie Pusteblumen aus Minizahnbürsten nach und steckt diese Objekte in ihr Demonstrationsbeet.

Wunderbar frech stellt die Schweizerin Pipilotti Rist Klischees von Weiblichkeit und Blumenzartheit auf den Kopf in ihrem Video „Ever Is Over All“ (1997). Da tanzt eine junge Frau durch die Straßen einer Stadt, in der Hand eine große Fackellilie, die offenbar aus Metall ist, denn sie schlägt damit lächelnd die Scheiben geparkter Autos ein, während eine Polizistin lächelnd vorübergeht.

Bis 23.10., di – fr 11 – 18, sa, so 10 – 18 Uhr, Tel. 02824/951 060, www.moyland.de, Katalog, Wienand Verlag, Köln, 29 Euro

Quelle: wa.de

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