Kauen auf Tannennadeln - Berliner sammeln "Baumsalat"

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Kursleiterin Madeleine Zahn zeigt den Teilnehmern die essbaren Blüten der Weißen Robinie. Foto: Alexander Heinl

Noch kurz in den Park, um ein paar Blätter für den Salat zu pflücken - was wie ein Scherz klingt, ist in Berlin möglich. Manche Städter sind auf den Geschmack von Linde, Hopfen und Co. gekommen. Gibt es einen Trend zum Baumsalat?

Berlin (dpa) - Ein warmer Frühsommertag im Berliner Volkspark Hasenheide. Die Wiesen sind voll mit Erholungssuchenden und spielenden Kindern. Der Duft von Gegrilltem steigt in die Nase. Unter einer Linde steht eine Gruppe von Menschen, die sich Blätter in den Mund stecken.

Sie kauen genüsslich. Bei der Gruppe handelt es sich um Teilnehmer einer sogenannten "Baumsalat-Tour". Ihr Ziel: Blätter sammeln für einen Salat, der am Ende gemeinsam verspeist werden soll.

"Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, Linde zu essen", sagt der 30-jährige Marcel Severith. "Ihr müsst die jungen Blätter pflücken", verlangt Kursleiterin Madeleine Zahn. Je älter die Blätter seien, desto härter und weniger schmackhaft würden sie, erläutert die 39-Jährige.

Die Tour ist daher eine saisonale Angelegenheit: Erntezeit ist nur von Mitte April bis Ende Mai, höchstens noch Anfang Juni. Vergleichbare Sammeltouren sind bundesweit äußerst rar - wenn, dann gibt es sie auf dem Land. Um Bäume als Essen geht es ansonsten eher in Online-Foren für Outdoor-Fans.

"Das ist eine verschüttete Tradition, die neu auflebt", sagt der Trendforscher Peter Wippermann. Es gehe vielen Menschen heutzutage darum, ihren Körper möglichst leistungsfähig zu halten - mit der Kraft der Natur. "Das Neue ist die ideologische Kraft, die dahintersteht. Es gibt einen Erweckungsgedanken", sagt Wippermann.

Der Hype um Naturprodukte aus dem Park und von der Wiese sieht er als Teil der Steinzeitzeiternährung, der sogenannten Paleo-Diät. Deren Anhänger ernähren sich von Produkten, die es schon in der Steinzeit gab: Wild, Gemüse, Kräuter und Pilze zum Beispiel. Joghurt oder Brot gehören nicht dazu.

Doch nicht alles, was man im Park pflücken kann, ist unbedenklich. Auch das lernen die Städter auf der Baumsalat-Tour. Vorsicht sei etwa bei Gepflücktem aus Fußhöhe geboten, wo sich Hunde erleichtern können, warnt Zahn. Sie hat Naturschutz und Landschaftsnutzung studiert und sich das Wissen über Blätter und Blüten angelesen. Auch direkt neben vielbefahrenen Straßen rät sie vom Pflücken ab: Sonst machen sich womöglich erhöhte Abgaswerte und Feinstaub in der Salatschüssel bemerkbar. Sie legt zudem einen Stopp bei einer Eibe ein. Dieser Baum sei hochgiftig.

Die Tour unter dem Motto "Die Stadt ist dein Garten" bietet Zahn auf der Internetplattform "Mundraub.org" an. Dahinter verbirgt sich vorrangig eine digitale Karte, auf der Naturfreunde seit gut sechs Jahren Standorte von Obst- oder Nussbäumen eintragen und so das Sammeln für andere erleichtern können. Privatgärten sind tabu.

"Ich habe eine Fruktose-Allergie und wollte es mal mit Blättern probieren", sagt Marcel Severith neben einem Strauch Kornelkirsche. Andere Teilnehmer sind schon länger auf Naturtouren unterwegs. "Ich mache öfter solche Führungen, um die unterschiedlichen Pflanzen kennenzulernen", sagt die 50-jährige Annette Pröhl.

"Die meisten Rosen sind essbar", erklärt Zahn neben einer Hundsrose. Gemeint sind die Blütenblätter. Weiter geht es zur Robinie, deren Samen und Rinde giftig sind. Die Blüte aber sei essbar, meint die Kursleiterin. Neben den Blättern vieler Strauchgewächse und Laubbäume könne man sich auch an den allermeisten Nadelbäumen bedienen. Damit am Ende nicht doch die Eibe im Salat landet, empfiehlt Zahn ein Bestimmungsbuch, um giftige Pflanzen ganz sicher auszuschließen.

Vorsicht ist geboten. "Nicht alles, was grün ist, ist gesund", sagt Jürgen Thier-Kundke, Sprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). "Über die Wirkung von Blättern und Tannennadeln ist nichts bekannt. Das hat noch nie jemand untersucht." Sogar manche Kräuter enthielten krebserregende Stoffe, erklärt Thier-Kundke. Bei vielen bedenklichen Inhaltsstoffen komme es auf die Menge an, die man zu sich nimmt. In Städten sei das Risiko, dass Pflanzen etwa durch Abgase, Exkremente von Mensch oder Tier sowie durch Mikrobakterien verunreinigt seien, jedoch größer als auf dem Land.

Kursteilnehmerin Claudia Eschen hat dennoch keine Bedenken, dass der Blattsalat ungesund sein könnte. Dagegen zweifelt die 34-Jährige an der Alltagstauglichkeit: "Mir ist dieses Sammeln zu umständlich für einen Salat."

Bundesinstitut für Risikobewertung

Seite der Blattsalat-Tour bei Mundraub.org

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