SOEST - Er lebt im Soester Westen und doch wäre ihm der Kirmesbesuch um ein Haar verwehr geblieben. Dank Facebook kam Robert Hiber doch noch in den Genuss. Hier fand er Menschen, die sich unaufgefordert anboten, ihn über die Kirmes zu schieben. Denn der alleinstehende Robert Hiber sitzt zwei Jahren im Rollstuhl.

Kaum ein Onlineportal wird so kontrovers diskutiert wie Facebook – sei es wegen des Datenschutzes oder der berüchtigten Facebook-Partys. Für Robert Hiber jedoch hat das „soziale Netzwerk“ seinem Namen alle Ehre gemacht.
„Nah dabei und doch so weit weg. Ich wünsche allen Soestern viel Spaß und Freude auf unserer tollsten Kirmes der Welt“, schrieb Hiber am Mittwoch auf Facebook innerhalb des Forums „Du weißt Du bist Soester, wenn ...“. Der Gruppe traten seit ihrer Gründung vor wenigen Wochen (der Anzeiger berichtete) mehr als 1 500 Mitglieder bei, im Wesentlichen sind es jedoch wenige Dutzend, die hier hochaktiv sind und fortwährend Erinnerungen an und Fotos aus vergangenen Zeiten austauschen.
Kurz nach Hibers Beitrag folgte die Antwort von Frank Köhler: „Ich denke, wir schieben alle gerne – Termin vereinbaren, wann Sie auf die Kirmes möchten, und ich bin mir sicher, nicht nur ich hole sie ab!“ Hiber war „zutiefst berührt, dass Sie, den ich überhaupt nicht persönlich kenne, diesen Vorschlag machen. Den hätte ich von meinen früheren, so genannten „besten Freunden“ erwartet.“
So auch am Morgen jenes 24. November. Damals konnte man aufgrund der Umbauarbeiten am Bahnhof nur über eine umstrittene Behelfsbrücke die hinteren Gleise erreichen – um 5 Uhr in der Frühe war diese jedoch noch nicht von Schnee und Eis befreit. Auf einer Stufe rutschte er aus, ging zwar nicht zu Boden, fing sich aber ab und stieß sich den Rücken an. Dennoch fuhr er zur Arbeit, brach aber aufgrund der Schmerzen ab. Am Nachmittag konnte er schon nicht mehr laufen.
Die Ärzte diagnostizierten ihm ein inoperables „Cauda Equina Syndrom“. Bei der Cauda Equina handelt es sich um eine anatomische Struktur innerhalb der Wirbelsäule. Diese wurde bei Hiber so massiv gequetscht, dass es zu diversen dauerhaften Ausfallerscheinungen kam. Noch heute kämpft er vor Gericht darum, dass der Vorfall als Wegeunfall anerkannt wird. „Aber ich werde wohl bis an mein Lebensende im Rollstuhl sitzen“, so der heute 62-Jährige.
Im vergangenen Jahr wurde er von einem Cousin aus Castrop-Rauxel auf der Kirmes begleitet – der hatte diesmal jedoch aus beruflichen und privaten Gründen keine Zeit.
Andere Mitglieder der Facebook-Gruppe meldeten sich, boten sich an, ihn abzuholen. Schließlich war es Werner Bork, denn der ist es gewohnt, in seinem riesigen T4 Multivan einen Rollstuhl zu transportieren – seinen eigenen.
Bork wiederum könnte laufen, wenn er nicht vor drei Jahren an Rheuma erkrankt wäre, die eine Lungenfibrose nach sich zog – nach wenigen Metern bleibt ihm die Luft weg. Der heute 63-Jährige hatte bis dahin im Außendienst eines Papierhandtuchherstellers gearbeitet. Obendrein kennen er und Hiber sich aus dem Schützenvorstand: Bork war dort Fahnenoffizier.
Und so traf sich die Gruppe am Freitagnachmittag und zog gemeinsam mehrere Stunden lang über den Rummel. Die Welle der Hilfsbereitschaft von Menschen, die er bis dahin eigentlich kaum oder gar nicht kannte, verschlug Robert Hiber fast die Sprache: „Das ist einfach unbeschreiblich.“ Lange wird es sicher nicht unbeschreiblich bleiben: Über dieses Erlebnis wird er sicherlich auf Facebook berichten. - kb



Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!
Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.
Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.
Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.